AnoMed: Gesundheitsdaten nutzen ohne Patienten zu gefährden
Die klassischen Anonymisierungsverfahren haben nicht funktioniert. Das sagt Prof. Esfandiar Mohammadi, Leiter des Projekts AnoMed, ohne Umschweife. Es geht um eine der schwierigsten Fragen der digitalen Gesundheitsversorgung: Wie nutzt man medizinische Daten für Forschung und KI, ohne die Privatsphäre von Patienten zu gefährden?
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fördert die zweite Phase des Projekts mit rund 46 Millionen Euro insgesamt. AnoMed 2 soll dort weitermachen, wo AnoMed 1 aufgehört hat, und die Verfahren tatsächlich in die Praxis bringen.
Warum Anonymisierung allein nicht reicht
Prof. Dr. Fabian Prasser von der Charité Berlin zieht eine ernüchternde Zwischenbilanz. Trotz jahrzehntelanger Forschung, umfangreicher Literatur und zahlreicher Konferenzen hätten Privacy-Enhancing Technologies (PETs) den Weg in den Alltag bisher kaum gefunden.
Das Problem ist nicht die Forschungsqualität. Es sind strukturelle Hürden: hohe Infrastrukturkosten, fehlende Expertise in Krankenhäusern, Rechtsunsicherheiten und eingeschränkte Flexibilität der Verfahren. Der unmittelbare Nutzen für datengebende Institutionen überwiege schlicht oft nicht den Aufwand.
Dazu kommt ein methodisches Kernproblem: Anonymisierung erkauft sich Datenschutz immer auf Kosten des Informationsgehalts. Prasser illustrierte das an einem Beispiel aus der Coronakrise. Sein Team veröffentlichte anonymisierte Patientenregisterdaten. Die berechnete Fallsterblichkeitsrate wich von der tatsächlichen um bis zu zehn Prozent ab. Für viele klinische Fragestellungen nicht tolerierbar.
Eine Studie zur Reproduzierbarkeit medizinischer Forschungsergebnisse bestätigte: Keines der getesteten Anonymisierungsverfahren konnte alle Ergebnisse der Originalstudie vollständig replizieren.
Was funktioniert, was nicht
Anonymisierte Daten taugen für Machbarkeitsprüfungen, explorative Analysen, Hypothesengenerierung, Software-Tests und als Ergänzung beim KI-Training. Für primäre klinische Studien mit klaren Evidenzanforderungen taugen sie nicht als Ersatz für Originaldaten.
Prassers Lösung: eine abgestufte Datennutzung mit verschiedenen Zugangsebenen. Föderierte Auswertungen, differenzielle Privatsphäre und Pseudonymisierung kombiniert. Für die Zukunft setzt er auf den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) und sichere Verarbeitungsumgebungen, in denen Forscher nicht die Daten erhalten, sondern geschützten Zugang zur Dateninfrastruktur bekommen.
29 Millionen Euro für KI-Rechenleistung
Die Universität zu Lübeck hat im Rahmen von AnoMed ein neues KI-Rechenzentrum eingeweiht. 29 Millionen Euro Förderung, rund 400 Quadratmeter, GPU-Cluster mit wassergekühlten NVIDIA-Servern und einer erwarteten Rechenleistung von über 3.000 PetaFlops. Genug, um große KI-Modelle unter Hochsicherheitsbedingungen zu trainieren.
Als öffentliche Einrichtung soll das Rechenzentrum Krankenhäusern ermöglichen, sensible Daten lokal zu verarbeiten, ohne Abhängigkeit von kommerziellen Cloud-Diensten. „Im Sinne der digitalen Souveränität bauen wir ein Rechenzentrum, das groß genug ist, um agentische Systeme laufen zu lassen", erklärte Mohammadi. „Im Gegensatz zu großen Cloud-Anbietern sind unsere Verpflichtungen klar: Wir sind eine öffentliche Institution und haben den Auftrag, öffentliche Forschung voranzutreiben."
Was das für das Gesundheitswesen bedeutet
Das Gesundheitswesen steht vor einem Grundproblem: Die Datenmenge wächst schneller als die Fähigkeit, sie sicher zu nutzen. Elektronische Patientenakten, KI-gestützte Diagnostik, Forschung mit Versorgungsdaten. Alles braucht Zugang zu sensiblen Patientendaten. Und alles steht unter dem DSGVO-Verdikt.
AnoMed zeigt einen möglichen Weg: Nicht die Daten verteilen, sondern die Verarbeitung zentralisieren. Nicht anonymisieren und hoffen, sondern differenzierte Zugangsebenen schaffen. Nicht auf kommerzielle Cloud-Anbieter setzen, sondern öffentliche Infrastruktur aufbauen.
46 Millionen Euro Förderung sind ein Signal. Ob das reicht, um die Verfahren wirklich in die Praxis zu bringen, steht in den Sternen. Aber die Richtung stimmt.
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