Abschalten durch Einschalten — mein Paradox mit der digitalen Auszeit

Zettel an Laternen

In Berlin klebt gerade jemand Zettel an Laternenmasten. „Lieben statt liken", „Tanzen statt Twitter" steht darauf. Die Radikale Anti Smartphone Front (ja, die heißen wirklich so) verteilt handgeschriebene Flyer gegen die digitale Dauerpräsenz. Zwei Studenten, Malerkrepp, Spaziergänge durch die Innenstadt. Kein Instagram-Account, keine App, kein QR-Code. Papier.

Mein erster Gedanke: Sympathisch. Mein zweiter: Das ist ungefähr das Gegenteil von dem, was ich mache.

Mein Setup

Ich bin IT-Mensch. Beruflich betreue ich die Infrastruktur eines Rettungsdienstes: Server, Mailsysteme, Monitoring, Ticketsysteme. Nebenbei betreibe ich eigene Services. Ich habe mir eine KI-Assistentin gebaut, die meine E-Mails liest, Spam-Tickets schließt, Rechnungen verarbeitet, Kalender im Blick behält und mich nur stört, wenn es wirklich nötig ist.

Ich bin, nach jeder gängigen Definition, das krasse Gegenteil eines Smartphone-Verweigerers. Mein Handy ist Arbeitswerkzeug, Kommunikationszentrale und Fernbedienung für mein digitales Leben. Ich bin praktisch immer online.

Und trotzdem verstehe ich die Zettelkleber.

Das eigentliche Problem ist nicht das Gerät

Was die RASF-Leute beschreiben (dieser Reflex, alle paar Minuten aufs Display zu schauen, dieses nagende Gefühl, etwas zu verpassen, die Unfähigkeit, einfach mal nichts zu tun), das kenne ich. Nicht weil ich Social Media süchtig bin, sondern weil beruflich immer irgendwo ein Server piepen, eine Mail reinkommen oder ein Ticket aufploppen könnte.

Das Problem ist nicht das Smartphone. Das Problem ist die permanente Verfügbarkeitserwartung: die eigene und die von anderen.

Nicht nur Zettelkleber

Und die RASF steht nicht allein. Was in Berlin als handgeschriebener Flyer an Laternenmasten hängt, findet sich im ganzen Land in anderen Formen wieder.

Der Musiker Axel Bosse hat einen Song namens „Nokia" geschrieben. Darin heißt es: „Bitte gib mein Nokia zurück, und dann komm mit mir ins absolute Nix." Er beschreibt eine Welt, in der Snake und SMS reichten, in der man nicht zwischen „nichts fühlen und Einsamkeit" pendelt. Die Zeile „Screentime zweistellig" ist fast schon ein Revolutionsaufruf.

Eine Analyse der Associated Press zeigt, dass besonders jüngere Menschen gezielt nach traditionellen Alternativen zur Bildschirmzeit suchen. Stricken, Töpfern, Brettspiele. Die Zahlen steigen. Psychologen sehen darin mehr als einen Trend: Haptische Erfahrungen reduzieren Stress und vermitteln ein Gefühl von Kontrolle, das im digitalen Alltag verloren geht.

Und die BBC berichtet, dass kabelgebundene Kopfhörer gerade ein Comeback feiern. Nicht nur wegen der Klangqualität, sondern als bewusstes Statement. Sichtbare Kabel signalisieren: Ich bin nicht permanent vernetzt. Ich kontrolliere, wann ich zuhöre.

Die Sehnsucht nach Reduktion ist kein Berliner Kuriosum. Sie ist überall.

Abschalten durch Automatisierung

Hier wird es paradox: Meine Lösung für das Problem „zu viel Bildschirm" ist mehr Technologie.

Meine KI-Assistentin überwacht meine Postfächer. Sie erkennt Spam und schließt ihn. Sie verarbeitet Rechnungen und legt sie ab. Sie checkt das Server-Monitoring und meldet sich nur, wenn wirklich etwas brennt. Sie beantwortet Routine-Anfragen auf dem Firmen-Chat.

Das Ergebnis: Ich muss nicht ständig nachschauen. Nicht weil ich es nicht dürfte, sondern weil ich darauf vertrauen kann, dass mich jemand informiert, wenn es wichtig ist. Und „jemand" ist in diesem Fall eine KI, die zwischen „Server brennt" und „Newsletter von Adobe" unterscheiden kann.

Früher habe ich morgens als erstes mein Mailprogramm aufgemacht und 30 Minuten Inbox sortiert. Heute macht das die Assistentin, und ich bekomme eine Zusammenfassung. Der Morgen gehört dem Kaffee.

Die Ironie

Die Zettelkleber wollen, dass Menschen ihr Smartphone weglegen. Ich will das auch — ich baue mir nur die Infrastruktur, die es ermöglicht.

Im Kern verfolgen wir dasselbe Ziel: Weniger reflexhaftes Bildschirmstarren, mehr bewusste Aufmerksamkeit. Der Weg dahin ist unterschiedlich. Die einen verzichten auf Technologie, ich delegiere an sie.

Und wenn ich ehrlich bin: Mein Weg funktioniert für mich besser. Nicht weil ich es nicht ohne Smartphone könnte (ich bin Jahrgang ‘75, ich kenne die Welt ohne Internet), sondern weil mein Beruf nun mal digital ist. Abschalten heißt für mich nicht „Gerät ausschalten", sondern „darauf vertrauen, dass die wichtigen Dinge trotzdem ankommen".

Was noch nicht perfekt ist

Meine Assistentin wird besser, aber sie ist nicht perfekt. Die Grenze zwischen „das kann warten" und „das muss Thomas sofort wissen" ist nicht immer klar. Manchmal stört sie mich mit Dingen, die hätten warten können. Manchmal übersieht sie etwas. Wir arbeiten daran: sie lernt mit jeder Korrektur.

Aber schon jetzt hat sich etwas fundamental verändert: Ich schaue seltener aufs Handy. Nicht weil ich es mir verbiete, sondern weil es weniger Gründe gibt nachzuschauen. Die Benachrichtigungen, die durchkommen, sind relevant. Der Rest ist schon erledigt.

Der dritte Weg

Die Debatte über Smartphone-Nutzung wird oft als Entweder-Oder geführt: Entweder du bist ständig online, oder du verzichtest radikal. Die RASF steht für den Verzicht, Silicon Valley für die permanente Vernetzung.

Ich glaube an einen dritten Weg: Technologie so einsetzen, dass sie dich nicht fesselt, sondern befreit. Nicht jede Benachrichtigung muss sofort bei dir ankommen. Nicht jede Mail braucht deine Aufmerksamkeit. Nicht jedes Monitoring-Alert ist ein Notfall.

Wer einen persönlichen Assistenten hat (ob Mensch oder KI), der sortiert, filtert und priorisiert, der kann sein Handy tatsächlich mal in der Schublade lassen. Nicht weil er die Kontrolle aufgibt, sondern weil jemand anderes die Routine übernimmt.

Was ich von den Zettelklebern lerne

Trotz allem nehme ich von der RASF etwas mit: Den Mut, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Die Erinnerung, dass nicht jeder Moment dokumentiert werden muss. Und die Erkenntnis, dass die beste Technologie die ist, die man nicht bemerkt.

Meine KI-Assistentin ist dann am erfolgreichsten, wenn ich vergesse, dass sie da ist. Wenn morgens die Zusammenfassung kommt, die Rechnungen schon abgelegt sind und kein einziges Spam-Ticket meine Aufmerksamkeit will. Dann funktioniert die Technik so, wie sie soll: im Hintergrund.

Die Zettelkleber werden vermutlich nie eine KI nutzen. Ich werde vermutlich nie mein Smartphone weglegen. Aber in dem Moment, in dem ich dank meiner Assistentin das Handy beiseitelege und mit meinen Kindern eine Runde UNO spiele, statt Mails zu checken — da sind wir uns näher, als beide Seiten zugeben würden.


Die Radikale Anti Smartphone Front verteilt ihre Flyer in Berlin. Mehr dazu bei iphone-ticker.de und der Berliner Morgenpost. Zum Thema Gegenbewegung siehe auch iphone-ticker.de.