Mehr Mut, weniger Papier: Deutschland und die Digitalisierung

EUDI-Wallet, Bürger-App, KI-Plattformen, Deutschland-Stack. Der Staat investiert Hunderte von Millionen Euro in die Digitalisierung. Bund und Länder ringen in endlosen Runden um Konzepte, Finanzierung und Nutzung. Doch Digitalisierung ist nicht nur eine Technik-, sondern auch eine Kulturfrage. Und aus Bürgersicht vermittelt der Staat häufig den Eindruck, dass ihm Papier eigentlich lieber ist.

30 Millionen Renten-Briefe pro Jahr

Die Deutsche Rentenversicherung verschickt jedes Jahr eine „Renteninformation" an rund 30 Millionen Versicherte. Per Post. Die Druck- und Versandkosten lagen 2025 bei rund 18 Millionen Euro. Die Behörde betreibt seit vielen Jahren ein Kundenportal, in dem man nach dem Login mit dem E-Perso seine Renteninformationen abrufen kann. Wer das digital statt per Post möchte, kann das im Kundenportal aktivieren.

Groß beworben wird die Funktion aber nicht. Rund 380.000 Versicherte haben sich bisher dafür entschieden. Von 30 Millionen.

Behörden antworten per Post auf digitale Anträge

Bürger, die Anträge auf digitalem Wege einreichen, erhalten häufig trotzdem eine Antwort per Post. Im Einzelfall gibt es nachvollziehbare Gründe. Behörden fehlt oft ein geeigneter digitaler Rückkanal zum Bürger.

Manchmal wirkt es aber auch, als würde der Staat sich an die Briefpost klammern. Die Krankenkasse schickt Statusmitteilungen per Post an Versicherte, die fleißig die Krankenkassen-App samt Postfachfunktion nutzen. Das Finanzamt fragt per Brief nach Belegen, obwohl die Erklärung über Elster eingereicht wurde. Immerhin: Der Steuerbescheid soll ab 2027 standardmäßig digital kommen, wenn man die Erklärung digital abgegeben hat.

Was Österreich und Dänemark anders machen

In Österreich gibt es den Blick ins Pensionskonto seit vielen Jahren nur noch digital. Diese Entscheidung trug dazu bei, die österreichische digitale Identität zu etablieren. Dänemark stellte zwischen 2012 und 2015 zahlreiche Antragsverfahren auf „Digital Only" um.

Das dänische „Digital Only" muss nicht das Vorbild für Deutschland sein. Aber auch das Beispiel Österreich zeigt: Wer Technik entwickelt, muss sie auch bewerben und die Nutzung fördern. Deutschland hat mit dem elektronischen Personalausweis längst eine sichere digitale Identität. Man hat sich aber nie getraut, sie wirklich zu etablieren.

E-Perso und EUDI-Wallet: das Henne-Ei-Problem

Solange der E-Perso nicht fliegt, wird auch die EUDI-Wallet nicht abheben. Die EU-Verordnung verlangt von allen Mitgliedstaaten bis Ende 2026 mindestens eine digitale Brieftasche. Deutschland plant den staatlichen Start für den 2. Januar 2027, zunächst in einer ersten Ausbaustufe mit Identifizierung und Nachweisen. Weitere Funktionen wie digitales Signieren sollen iterativ folgen. Klingt vernünftig. Aber ohne etablierte digitale Identität keine Nutzer. Ohne Nutzer keine etablierte digitale Identität. Und genau diese Identität, der E-Perso, dümpelt seit über zehn Jahren vor sich hin.

Deutschland und Estland wollen bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung enger zusammenarbeiten. Die Absichtserklärung umfasst Künstliche Intelligenz, digitale Souveränität, EUDI-Wallet, Beschaffung und Cyber-Sicherheit. Estland, wo man seit Jahren fast alle Behördengänge digital erledigen kann, als Vorbild.

Aus der Praxis: digital zusätzlich statt digital konsequent

Wer in einer Behörde oder einer öffentlichen Einrichtung Prozesse digitalisiert, kennt das Muster: Das neue Online-Verfahren wird eingeführt, aber der alte Papierweg bleibt parallel bestehen. Sicherheitshalber. Für die, die es nicht digital können oder wollen. Das Ergebnis ist kein digitaler Prozess, sondern ein zusätzlicher Kanal obendrauf. Mehr Arbeit, nicht weniger.

Digitalisierung, die diesen Namen verdient, heißt: den Prozess vom Ende her neu denken und den Papierweg irgendwann tatsächlich abschalten. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil ein doppelt gepflegter Prozess teurer, fehleranfälliger und langsamer ist als ein konsequent digitaler. Solange wir uns das nicht trauen, bauen wir digitale Fassaden vor analoge Verwaltung.

Der EU-Digitalisierungsbericht 2026 bestätigt es

Am selben Tag veröffentlichte die EU-Kommission den Nationenbericht 2026 zur digitalen Dekade. Das Ergebnis: Deutschland kommt nur mühsam voran.

Die Glasfaserabdeckung stieg von 36,8 Prozent (2024) auf 43,98 Prozent. Der EU-Durchschnitt liegt bei 74,13 Prozent. Deutschland belegt weiter den vorletzten Platz. Bei Gigabitnetzen erreicht Deutschland 79,86 Prozent der Haushalte, der EU-Schnitt liegt bei über 85 Prozent.

Bei der digitalen Verwaltung sank der deutsche Wert sogar leicht um ein Prozent auf 78,11 von 100 Punkten. Der EU-Schnitt: 84,64. Das „Einer für Alle"-Prinzip scheitere oft an fehlenden Standards und einer fragmentierten IT-Landschaft über 11.000 Kommunen.

Besonders pikant: Bei der Nutzung der elektronischen Identität liegt Deutschland mit 15 Prozent auf dem viertletzten Platz. Der EU-Durchschnitt: 52 Prozent. Der E-Perso, den der Staat seit Jahren anbietet, wird kaum genutzt.

Ein Lichtblick: Bei KI-Integration in Unternehmen liegt Deutschland mit 26 Prozent über dem EU-Schnitt von 20 Prozent. Aber echte Innovationen durch KI sind noch die Ausnahme, der Mittelstand tut sich mit Ressourcenmangel und rechtlicher Komplexität schwer.

Die EU-Kommission mahnt: Bis Ende 2026 läuft fast die Hälfte der öffentlichen Digitalbudgets aus den nationalen Aufbauplänen aus. Ohne Anschlussfinanzierung droht Stillstand. Eine Begleitstudie zeigt: Jeder in die Digitalpolitik investierte Euro generiert bis 2030 ein Vielfaches an wirtschaftlicher Leistung.

Was fehlt

Mut. Nicht der Mut, Hunderte von Millionen in Technik zu stecken. Sondern der Mut, den Bürgern zuzutrauen, dass sie mit digitalen Verfahren umgehen können. Der Mut, bestehende Prozesse tatsächlich zu digitalisieren und nicht nur digital zusätzlich anzubieten. Der Mut, Briefpost als das zu erkennen, was sie ist: ein Relikt.

Jüngere Menschen könnte man durchaus erwarten, dass sie ihre Rentendaten online abrufen. Oder man schickt die Renteninfos nur noch alle zwei Jahre per Post. Damit würde man nebenbei endlich dem E-Perso zum Durchbruch verhelfen, wovon wiederum andere E-Government-Verfahren und künftig auch die EUDI-Wallet profitieren würden.

18 Millionen Euro Druck- und Versandkosten pro Jahr. Für Informationen, die seit Jahren digital verfügbar sind. Das ist nicht nur ein Digitalisierungsproblem. Das ist ein Kulturproblem.


Quellen: