Kostenlose KI-Sprachtools der EU: Was eTranslation & Co. wirklich können

Die EU-Kommission baut seit Jahren an eigener KI-Infrastruktur für Sprachverarbeitung. Was die meisten nicht wissen: Das Ergebnis ist kostenlos nutzbar für öffentliche Verwaltungen, KMU, Hochschulen und NGOs. Und es geht weit über “nur Übersetzen” hinaus.

Was steckt drin?

Das zentrale Portal bündelt mittlerweile eine ganze Palette an Tools:

  • eTranslation: Maschinelle Übersetzung für Texte und Dokumente, alle 24 EU-Sprachen plus weitere
  • eSummary: Automatische Textzusammenfassungen
  • eBriefing: Hintergrundpapiere aus Dokumenten generieren
  • eReply: Antwortvorschläge auf komplexe Anfragen
  • WebText: Texte für Webseiten optimieren
  • Accessible Text: Inhalte in leichte Sprache umformulieren (DE, EN, FR)
  • Multilingual Post: Social-Media-Beiträge in mehreren Sprachen gleichzeitig
  • Speech-to-Text: Audio- und Video-Transkription
  • Anonymisation: Personenbezogene Daten in Texten erkennen und maskieren
  • Language Detection: Automatische Spracherkennung

Das ist kein Proof-of-Concept. Das sind Produktivsysteme, die intern von der EU-Kommission selbst genutzt werden. Die Generaldirektion Übersetzung der EU verarbeitet damit täglich tausende Dokumente.

Das eigentliche Argument: DSGVO

Google Translate, DeepL, ChatGPT: alles brauchbare Tools. Aber wer in einer deutschen Behörde oder einem Unternehmen mit sensiblen Daten arbeitet, kennt das Problem. Darf ich diesen Vertragsentwurf durch DeepL jagen? Was passiert mit den Patientendaten in dem Arztbrief?

Bei den EU-Tools ist die Antwort klar: Die Daten werden nach EU-Datenschutzregeln behandelt und nicht zum Training kommerzieller KI-Modelle verwendet. Betrieben wird das Ganze von der Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission.

Für Behörden, Rettungsdienste, Gesundheitseinrichtungen und KMU ist das ein echtes Argument. Kein Datenschutz-Bauchschmerzen, keine Auftragsverarbeitungsverträge mit US-Anbietern, keine Cookie-Banner-Diskussionen.

API-Zugang: Für Entwickler

Neben der Web-Oberfläche gibt es eine REST API (aktuell Version 2), über die sich alle Dienste programmatisch ansprechen lassen. Registrierung über ein EU-Login-Konto, Zugangsdaten kommen per Mail.

Authentifizierung

Basic Auth mit Application Name und Password:

1
2
3
# Credentials Base64-codieren
echo -n "MeineApp:MeinPasswort" | base64
# Ergebnis: TWVpbmVBcHA6TWVpblBhc3N3b3J0

Text übersetzen

Die API ist asynchron und Callback-basiert. Man schickt einen Übersetzungsauftrag ab und bekommt eine Request-ID zurück. Das Ergebnis wird per HTTP-Callback, FTP oder SFTP zugestellt.

 1
 2
 3
 4
 5
 6
 7
 8
 9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
curl --location \
  'https://language-tools.ec.europa.eu/etranslation/api/askTranslate' \
  --header 'Content-Type: application/json' \
  --header 'Authorization: Basic TWVpbmVBcHA6TWVpblBhc3N3b3J0' \
  --data '{
    "textToTranslate": "Hallo Welt, dies ist ein Test.",
    "sourceLanguage": "DE",
    "targetLanguages": ["EN", "FR", "ES"],
    "domain": "GEN",
    "notifications": {
      "success": {
        "http": "https://mein-server.de/callback/success"
      },
      "failure": {
        "http": "https://mein-server.de/callback/failure"
      }
    },
    "deliveries": {
      "http": "https://mein-server.de/callback/delivery"
    }
  }'

Antwort (synchron):

Wenige Sekunden später kommt der Callback:

Mehrere Zielsprachen in einem Request sind möglich. Für jede Sprache kommt ein eigener Callback.

Python-Wrapper

Wer das in eine Anwendung integrieren will, braucht einen Callback-Endpoint. Mit Flask ist das in ein paar Zeilen erledigt:

 1
 2
 3
 4
 5
 6
 7
 8
 9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
import requests
import base64
from flask import Flask, request, jsonify

app = Flask(__name__)
API_URL = "https://language-tools.ec.europa.eu/etranslation/api"
CREDS = base64.b64encode(b"MeineApp:MeinPasswort").decode()
HEADERS = {
    "Content-Type": "application/json",
    "Authorization": f"Basic {CREDS}"
}

def translate(text, source="DE", targets=None):
    """Übersetzung anstoßen, gibt Request-ID zurück."""
    if targets is None:
        targets = ["EN"]

    r = requests.post(f"{API_URL}/askTranslate", headers=HEADERS, json={
        "textToTranslate": text,
        "sourceLanguage": source,
        "targetLanguages": targets,
        "domain": "GEN",
        "notifications": {
            "success": {"http": "https://mein-server.de/etranslation/result"},
            "failure": {"http": "https://mein-server.de/etranslation/result"}
        },
        "deliveries": {
            "http": "https://mein-server.de/etranslation/result"
        }
    })
    return r.json().get("requestId")

@app.route("/etranslation/result", methods=["POST"])
def handle_callback():
    """Callback-Endpoint für eTranslation-Ergebnisse."""
    data = request.json
    if "translatedText" in data:
        print(f"Übersetzung ({data['targetLanguage']}): "
              f"{data['translatedText']}")
    elif "errorMessage" in data:
        print(f"Fehler: {data['errorMessage']}")
    return jsonify({"status": "ok"})

Systemstatus prüfen

Der einzige synchrone Endpoint, der keine Authentifizierung braucht:

1
2
curl https://language-tools.ec.europa.eu/etranslation/api/status
# {"level":0,"message":"Normal service"}
LevelBedeutung
0Normal service
1Heavy load
2Critical load (expect delays)
3Blocked

Dokumente übersetzen

Neben Textschnipseln (max. 5.000 Zeichen) können auch ganze Dokumente übersetzt werden: PDF, DOCX, PPTX, HTML, TXT und weitere Formate. Der Ablauf ist identisch (Request → Callback), nur dass das Ergebnis Base64-codiert zurückkommt.

Was fehlt?

Die Tools sind solide, aber nicht ohne Einschränkungen:

API-Zugang aktuell nur für eTranslation. Das ist der wichtigste Punkt. Das Portal listet zwar neun verschiedene Dienste auf, aber die selbstregistrierten API-Credentials funktionieren Stand März 2026 nur für eTranslation (Textübersetzung und Dokumentübersetzung). Wer die Anonymisierung, eSummary oder Accessible Text per API ansprechen will, bekommt CLIENT_IS_INVALID zurück. Die Endpoints existieren und sind technisch funktionsfähig, aber die Freischaltung fehlt. Laut dem Dev-Portal muss man sich für die anderen Dienste separat an das Advisory-Team wenden. Die Kontaktadresse findet man auf der Registrierungsseite des Language Tools Portal unter den FAQ. Über die Web-Oberfläche auf dem Portal selbst sind die Dienste aber nutzbar.

Kein synchroner Modus. Die Callback-Architektur ist für Batch-Verarbeitung und Serveranwendungen gedacht. Wer eine Echtzeit-Übersetzung in einer Web-App braucht (Nutzer tippt, Übersetzung erscheint sofort), muss einen Webhook-Endpoint betreiben. Für ein kurzes Skript oder einen CLI-Test ist das unnötig umständlich.

Registrierung nur für Berechtigte. Privatpersonen bekommen keinen Zugang. Man muss einer öffentlichen Verwaltung, einem KMU, einer Hochschule oder NGO angehören. Die Prüfung bei der Registrierung scheint allerdings nicht besonders streng zu sein.

Qualität variiert. Für EU-Amtssprachen (Deutsch, Französisch, Englisch) ist die Übersetzungsqualität ordentlich. Bei selteneren Sprachpaaren oder Fachdomänen kann DeepL noch vorne liegen. Für den Behördenalltag reicht es aber locker.

Accessible Text nur in drei Sprachen. Die Leichte-Sprache-Funktion gibt es bisher nur auf Englisch, Französisch und Deutsch.

Für wen lohnt sich das?

Behörden und öffentliche Verwaltungen: Ja, sofort. DSGVO-konform, kostenlos, kein Beschaffungsprozess nötig. Übersetzung von Bescheiden, Formularen und Informationsmaterial in die Sprachen der Bürger.

Rettungsdienste und Gesundheitswesen: Sprachbarrieren sind im Rettungsdienst real. Ein Tool, das schnell und datenschutzkonform medizinische Begriffe übersetzen kann, hat echten Wert. Die Anonymisierungsfunktion ist ein Bonus für Arztbriefe und Befunde.

KMU mit internationalen Kunden: Kostenlose Alternative zu DeepL Pro. Gerade für Standardkorrespondenz, technische Dokumentation oder Webseiten-Lokalisierung.

Entwickler: Die API ist sauber dokumentiert, die Authentifizierung simpel. Wer einen Webhook-Endpoint betreiben kann, hat in einer Stunde eine funktionierende Integration.

Fazit

Es ist selten, dass EU-Infrastruktur tatsächlich direkt nutzbar und praktisch relevant ist. Die KI-Sprachtools der Kommission sind eine positive Ausnahme. Kein Marketing-Buzzword-Bingo, sondern funktionierende Werkzeuge mit echtem API-Zugang.

Dass das Ganze kostenlos und DSGVO-konform ist, macht es für den deutschen Behörden- und KMU-Markt besonders interessant. Wo sonst bekommt man maschinelle Übersetzung in 24+ Sprachen, ohne sich Gedanken über Datenschutz machen zu müssen?

Die Callback-Architektur ist gewöhnungsbedürftig, aber für Serveranwendungen und Batch-Prozesse genau richtig. Wer Echtzeit braucht, greift weiterhin zu DeepL. Wer Datenschutz braucht, hat jetzt eine echte Alternative.

Schade ist, dass der API-Zugang aktuell auf eTranslation beschränkt ist. Gerade die Anonymisierung wäre für viele Organisationen im Gesundheits- und Rettungswesen ein Gamechanger. Bleibt zu hoffen, dass die EU die anderen Dienste bald für externe Nutzer freigibt.

Registrierung und Dokumentation: language-tools.ec.europa.eu


Quellen: