Europa will eine eigene Suchmaschine — diesmal vielleicht ernsthaft

99,5 Prozent Abhängigkeit

Wenn ein Europäer etwas im Internet sucht, passiert das fast immer über US-amerikanische oder russische Infrastruktur. Die Zahlen sind ernüchternd:

  • Google: ~90 % Marktanteil in Europa
  • Bing (Microsoft): ~6 %
  • Yandex (Russland): ~3,5 %
  • Europäische Anbieter: der Rest

99,5 Prozent aller europäischen Suchanfragen werden von Nicht-EU-Unternehmen verarbeitet. Und auch die europäischen Suchmaschinen, die es gibt (Ecosia, Qwant, Startpage), nutzen unter der Haube fast alle den Google- oder Bing-Index. Sie sind Fassaden vor fremder Infrastruktur.

EUSP: Ecosia und Qwant bauen einen eigenen Index

Das soll sich ändern. Die European Search Perspective (EUSP), ein deutsch-französisches Joint Venture von Ecosia und Qwant, hat offene Briefe an die Regierungschefs aller 27 EU-Mitgliedstaaten geschickt. Die Forderung: Nationale Suchindexe als öffentliche digitale Infrastruktur aufbauen (vergleichbar mit Energienetzen oder Telekommunikationsinfrastruktur).

EUSP betreibt seit August 2025 unter dem Namen Staan (Search Trusted API Access Network) bereits einen eigenen europäischen Suchindex, der auch Dritten per API zur Verfügung steht. Derzeit ist er auf französische Inhalte beschränkt, soll aber auf weitere EU-Staaten ausgeweitet werden.

Die geschätzten Kosten für eine vollständige europäische Suchmaschine: 50 Millionen Euro. Zum Vergleich: Google investiert geschätzt über 10 Milliarden Dollar pro Jahr allein in seine Suchinfrastruktur.

Warum das wichtig ist

Die Argumentation von EUSP geht über Datenschutz hinaus:

„Suchergebnisse bestimmen die Sichtbarkeit. Die Sichtbarkeit bestimmt den Marktzugang. Der Marktzugang bestimmt Gewinner und Verlierer."

Wer den Suchindex kontrolliert, kontrolliert, was gefunden wird. Das ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern ein demokratisches Problem. Und die Abhängigkeit birgt ein konkretes Risiko: Wenn ein US-Präsident entscheidet, den Zugang zu Google-Diensten für ein europäisches Land einzuschränken, gibt es aktuell keine Alternative. Dass solche Maßnahmen keine Theorie sind, haben die letzten Jahre mit Handelszöllen und dem digitalen Abklemmen unliebsamer Personen gezeigt.

Dazu kommt die KI-Dimension: Wer den Suchindex hat, hat die Trainingsdaten. Europas KI-Entwicklung hängt direkt davon ab, ob es eigene, hochwertige Web-Daten unter eigener Kontrolle gibt.

Es gab schon Versuche, und sie sind gescheitert

Wer jetzt denkt „das hatten wir doch schon": richtig. Und genau da liegt das Problem:

  • Quaero (2005, Chirac & Schröder): ~400 Mio. Euro zusammen mit dem deutschen Pendant Theseus. Ergebnis: Patente und Publikationen, aber kein marktfähiger Index.
  • OpenWebSearch.eu (aktuell): 14 Forschungseinrichtungen, darunter CERN und das Leibniz-Rechenzentrum, mit 8,5 Mio. Euro Horizon-Europe-Mitteln. Wissenschaftlich interessant, aber weit von einem Produktivsystem entfernt.

Der Unterschied bei EUSP: Es ist keine reine Forschungsinitiative, sondern ein Joint Venture zweier existierender Suchmaschinen, die bereits Nutzer haben (Ecosia: ~20 Mio. monatlich, Qwant: ~6 Mio.). Der Index (Staan) existiert bereits, wenn auch noch in kleinem Umfang.

Einordnung

50 Millionen Euro für eine europäische Suchmaschine klingt nach wenig. Es ist auch wenig, gemessen an dem, was Google ausgibt. Aber der Ansatz von EUSP ist klüger als die früheren Versuche: Kein Megaprojekt aus Steuergeldern, sondern ein existierendes Unternehmen, das seinen Index schrittweise ausbaut und von der EU eine Anschubfinanzierung sowie die Nutzung in der öffentlichen Verwaltung fordert.

Ob das reicht, um gegen Google zu bestehen? Wahrscheinlich nicht im klassischen Sinne. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, eine Rückfalloption zu haben. Eine europäische Infrastruktur, die existiert, wenn sie gebraucht wird, auch wenn sie im Alltag nicht die erste Wahl ist.

Das Mindeste wäre: Europäische Behörden sollten nicht Google als Standardsuche verwenden. Und wenn ein europäischer Suchindex gleichzeitig als Datenbasis für europäische KI-Entwicklung dient, hat sich die Investition schon gelohnt, bevor der erste Nutzer eine Suchanfrage stellt.


Quellen: