15 Milliarden Euro Finanzlücke: Die Expertenkommission will die Krankenkassen reformieren
Die gesetzlichen Krankenkassen haben im vergangenen Jahr 356 Milliarden Euro eingenommen. Klingt nach viel Geld. Reicht aber nicht. Die Ausgaben stiegen um 7,8 Prozent, die Einnahmen nur um 5,3 Prozent. Die Finanzierungslücke für die Jahre ab 2027 wird auf zweistellige Milliardenhöhe geschätzt.
Die Expertenkommission für die Reform der gesetzlichen Krankenkassen hat jetzt ihren ersten Bericht vorgelegt. 66 Vorschläge aus über 1.700 eingegangenen Vorschlägen gebündelt. Ziel: Das Milliardenloch schließen, bevor die Beiträge durch die Decke gehen.
Die Ausgabentreiber
Der größte Kostentreiber sind die Krankenhausbehandlungen: plus 9,6 Prozent oder 9,7 Milliarden Euro allein im Jahr 2025. Dahinter stecken höhere Vergütungen und Tarifsteigerungen. Aber auch ambulant-ärztliche Behandlungen (plus 7,6 Prozent), Arzneimittel (plus 5,9 Prozent), medizinische Behandlungspflege (plus 12,6 Prozent) und Heilmittel (plus 10,4 Prozent) wachsen deutlich schneller als die Einnahmen.
Der durchschnittliche Zusatzbeitrag liegt seit 2026 bei 3,13 Prozent. Zusammen mit dem allgemeinen Beitragssatz von 14,6 Prozent ergibt das einen Rekordwert von 17,7 Prozent des Bruttolohns.
Was passiert, wenn nichts passiert
Ohne Reformen könnte der durchschnittliche Zusatzbeitrag auf bis zu 4,7 Prozent steigen. Der Gesamtbeitrag läge dann bei über 22 Prozent. Für ein durchschnittliches Mitglied bedeutet das bis zu 680 Euro mehr pro Jahr bis 2030. Schon im kommenden Jahr wären es rund 260 Euro.
Das ist keine Prognose. Das ist die Rechnung der Kommission, wenn die Politik untätig bleibt.
42 Milliarden Euro Einsparpotenzial
Die „Finanzkommission Gesundheit" unter Vorsitz des Gesundheitsökonomen Wolfgang Greiner rechnet vor: Würden alle 66 Vorschläge umgesetzt, könnten die Kassen im Jahr 2027 um rund 42,3 Milliarden Euro entlastet werden. Bis 2030 wären es über 60 Milliarden. Ein Großteil davon, rund 37 Milliarden, ohne Versorgungsverschlechterung.
Etwas mehr als die Hälfte der Vorschläge betrifft die Ausgaben, der Rest die Einnahmen. Die wichtigsten Punkte:
Einsparungen bei Leistungserbringern und Herstellern (19 Mrd.). Der größte Posten: Vergütungsanstiege sollen an die Einnahmenentwicklung gekoppelt werden (5,5 Mrd.). Dazu ein dynamisierter Herstellerabschlag für Arzneimittel (2,3 Mrd.) und eine pauschale Erweiterung der Fallzusammenführung in Kliniken (2,1 Mrd.).
Ende der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern. Rund 15,6 Millionen Menschen sind derzeit beitragsfrei mitversichert, darunter etwa drei Millionen Erwachsene. Die Kommission schlägt einen pauschalen Mindestbeitrag von 225 Euro pro Monat vor (200 Euro KV + 25 Euro PV). Einsparpotenzial: rund 3,5 Milliarden Euro. Der Sozialverband VdK spricht von einer „versteckten Beitragserhöhung", die vor allem Familien mit geringem Einkommen trifft.
Vollständige Steuerfinanzierung für Bürgergeld-Empfänger. Der Bund zahlt derzeit nur einen Teil der Gesundheitskosten. Die Differenz, rund zehn Milliarden Euro pro Jahr - tragen die Beitragszahler. Die Kommission empfiehlt die volle Übernahme aus Steuermitteln. Einsparpotenzial: zwölf Milliarden Euro.
Gesundheitsschädliches Verhalten besteuern. Höhere Tabaksteuer (1,2 Milliarden Euro), Alkoholsteuer (600 Millionen Euro), Zuckersteuer auf Softdrinks (100 bis 500 Millionen Euro). Klassische Nanny-State-Maßnahmen, aber messbar.
Stärkere Patientenbeteiligung. Höhere Zuzahlungen für Medikamente, die seit 2004 weitgehend unverändert bei 5 bis 10 Euro liegen. Die Kommission empfiehlt eine Anpassung an die Inflation, konkret bis zu 15 Euro pro Medikament. Dazu sollen die Zuzahlungsbegrenzungen um 50 Prozent steigen (1,9 Mrd.) und der Krankengeld-Zahlbetrag sinken (1,3 Mrd.). Insgesamt bis zu 4,1 Milliarden Euro durch stärkere Patientenbeteiligung.
Was das für den Rettungsdienst bedeutet
Aus Sicht des Gesundheitswesens sind die Krankenhausbehandlungen der größte Ausgabenposten der Kassen. Die Krankenhausreform, die gerade durch den Bundestag ging, soll die Versorgung strukturell verändern. Aber die Finanzierung bleibt das Grundproblem.
Wenn die Kassen Geld sparen müssen, sparen sie an Leistungen. Weniger Kliniktage, niedrigere Fallpauschalen, strengere Genehmigungen für Transporte. Der Druck wandert über die Leistungskette nach unten - vom Krankenhaus über die Arztpraxis bis zum Rettungsdienst.
Das ist kein theoretisches Szenario. Das passiert jetzt schon. Die Cottbus-Debatte um Rettungsdienst-Rechnungen an Patienten ist ein Symptom genau dieses Finanzierungsproblems.
Reaktionen
CDU-Gesundheitsministerin Nina Warken, die die Kommission im September eingesetzt hatte, versprach eine „genaue Prüfung" und zeitnahe gesetzliche Änderungen. Sie will ein „Gesamtpaket" vorlegen und sich „im Wesentlichen an das halten, was die Kommission vorschlägt". Gleichzeitig warnte sie vor vorschnellen Festlegungen.
Der GKV-Spitzenverband reagierte positiv. Vorstandsvorsitzender Oliver Blatt nannte den Ansatz, die Ausgabenentwicklung an die Einnahmenentwicklung zu koppeln, „genau den richtige Weg". Er hält sogar niedrigere Beiträge für möglich: „Wir haben steigende Einnahmen und können damit in einem angemessenen Rahmen auch steigende Ausgaben finanzieren."
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnte hingegen vor einem „Wegfall von Millionen Arztterminen", falls die Vergütungsbegrenzung umgesetzt wird. Bereits jetzt würden über 40 Millionen Facharzttermine nicht vergütet.
Warken präzisierte im ZDF heute journal: Die Vorschläge würden „nicht eins zu eins" umgesetzt, sondern gründlich geprüft. Leitfaden: „Die Versorgung der Menschen" müsse auf „gleich gutem Qualitätsniveau erhalten bleiben". Es gehe um „Doppelvergütungen, Fehlanreize, ineffiziente Strukturen". Gesetzentwurf soll bis zum Sommer ins Kabinett.
Die Verbraucherzentralen kritisieren höhere Zuzahlungen als „falschen Weg". Ramona Pop warnte vor Zugangsbarrieren und geschwächter gesundheitlicher Chancengleichheit. Der Deutsche Gewerkschaftsbund lehnt die Abschaffung der kostenlosen Mitversicherung ab: Das würde „Millionen Familien" treffen, „vor allem Frauen, die wegen Kindererziehung oder Pflege in Teilzeit arbeiten."
Die Grünen warnten: „Die Krankenversicherung darf nicht auf dem Rücken der Versicherten stabilisiert werden." Die Linke fordert stattdessen eine Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze und Einbeziehung aller Einkommensarten.
Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger appellierte an die Bundesregierung, „nichts vorschnell auszuschließen". Ärztepräsident Klaus Reinhardt mahnte: „Es reicht nicht aus, die eigenen Reformbeiträge möglichst gering zu halten."
Meine Einschätzung
356 Milliarden Euro Einnahmen und trotzdem Finanzierungslücke. Das klingt absurd, ist aber die Realität eines Systems, das mehr ausgibt als es einnimmt - und das seit Jahren.
Die 66 Vorschläge der Kommission sind kein Wunschkatalog. Sie sind eine nüchterne Rechnung. Wer die Beiträge stabil halten will, muss entweder Leistungen streichen, Einnahmen erhöhen oder beides. Es gibt keinen kostenlosen Weg.
Die Abschaffung der kostenlosen Mitversicherung trifft Familien. Höhere Zuzahlungen treffen Kranke. Zuckersteuer trifft alle. Aber die Alternative - Beitragssatz über 22 Prozent, trifft auch alle.
Das Gesundheitssystem braucht keine Schönwetterreform. Es braucht eine ehrliche Antwort auf die Frage, wer was bezahlt. Die Kommission hat den Katalog geliefert. Ob die Politik den Mut hat, ihn umzusetzen, steht in den Sternen.
Quellen:
- Tagesschau: Woher kommt die Kostenexplosion im Gesundheitssystem?
- Focus: GKV-Reform 2026 - 66 Vorschläge
- ZDF heute: Debatte um Reform der Krankenversicherung
- Tagesschau: Kommission sieht Milliarden-Sparpotenzial
- Tagesschau: Vorschläge für eine Reform der GKV (FAQ)
- Tagesschau: Viel Kritik und etwas Lob für Sparvorschläge
- BMG: Management Summary Erster Bericht der Finanzkommission Gesundheit (PDF)
- IGES Institut: Beitragsentwicklung Kurzbericht (DAK)