2,1 Millionen Menschen sind offline — und vor 40 Jahren war das Internet ein Hobbykeller
Gut 3 Prozent sind nie online
Das Statistische Bundesamt veröffentlichte kürzlich Zahlen für das Jahr 2025: Gut 3 Prozent der Bevölkerung zwischen 16 und 74 Jahren haben das Internet nach eigenen Angaben noch nie genutzt. Das entspricht knapp 2,1 Millionen Menschen. Der Trend geht nach unten (2021 lag der Wert noch bei 6 Prozent), aber null wird er nicht.
Die Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen führt die Statistik an: Rund ein Zehntel ist offline. Bei den 45- bis 64-Jährigen sind es 3 Prozent, bei den Jüngeren zwischen 1 und 2 Prozent. Im EU-Durchschnitt (4 Prozent) schneidet Deutschland besser ab. Weltweit ist rund ein Viertel der Menschheit nicht im Netz, also schätzungsweise 2,2 Milliarden Menschen.
Für Offliner wird der Alltag zunehmend schwieriger. Ob Termin beim Bürgeramt, Bahnticket oder Überweisung: Die digitale Infrastruktur setzt Internet voraus.
Vor dem Internet: BTX, Mailboxen und das Chaos der Netze
Für jemanden, der schon „vor dem Internet" online war, klingt 2,1 Millionen Offline-Menschen wie eine andere Welt. Denn Deutschland hatte vernetzte Kommunikation, lange bevor das World Wide Web breitenwirksam wurde. Man musste nur wissen, wo.
BTX: der Staats-Internetversuch
1983 startete die Deutsche Bundespost den Bildschirmtext, kurz BTX. Es war der erste deutsche Online-Dienst: Man verband sein Modem mit dem Telefonanschluss und bekam bunte Textseiten auf dem Bildschirm. BTX bot Nachrichten, Banking und einfache Kommunikation, alles über die Telefonleitung, alles teuer. Jeder Seitenabruf kostete Geld. Der Hacker Wau Holland zeigte 1984, dass man über BTX die Telekom-Rechnung manipulieren konnte, ein früher IT-Sicherheits-Skandal.
BTX wurde irgendwann zu T-Online umbenannt, aber das Prinzip blieb: geschlossen, proprietär, bezahlt pro Minute.
Mailboxen: das Internet im Kleinen
Was BTX nicht bot, fanden Hobbyisten in Mailboxen. Ein Bulletin Board System (BBS) war ein Computer mit Modem, an den man sich per Wählscheibe einwählte. Dort gab es Nachrichtenforen, Dateien zum Download und direkte Kommunikation mit anderen Nutzern.
Die wichtigsten deutschen Mailbox-Netze:
- FidoNet (ab 1984): Das weltweit größte private Mailbox-Netz. Knoten wurden per Telefonleitung miteinander verbunden, Nachrichten gingen nachts als Batch von Node zu Node weiter. Jeder Knoten hatte eine Fido-Adresse (Zone:Net/Node). FidoNet hatte eine hierarchische Struktur: Ein normaler Node gehörte zu einem Net, das Net zu einer Region, die Region zu einer Zone. Fido HUBs übernahmen das Routing für ganze Gebiete.
- MausNet: Ein deutsches Gegenstück, weniger technisch, mehr auf Community ausgelegt. Entstand aus dem Maus-BBS des WDR.
- Z-Netz (ehemals Zerberus-Netz), Quicknetz, GS-Net, T-Netz, AmNet, RaveNet: Jedes mit eigenem Fokus, eigener Kultur, eigenem Chaos.
Starlight BBS: eine persönliche Geschichte
Wer die Mainzer BBS-Szene der frühen 1990er kennt, kennt die Starlight BBS. Sie startete als einfache Mailbox und wurde relativ bald ein Fido-Node, also ein Knotenpunkt im weltweiten FidoNet. Später stieg sie sogar zum Fido HUB auf und übernahm das Routing für das Gebiet Mainz/Wiesbaden. Ein HUB im FidoNet war keine kleine Sache: Er musste zuverlässig laufen, die Nacht-Mail-Durchsage korrekt weiterleiten und mit anderen HUBs koordinieren. Über Modem, versteht sich. 14.400 Baud waren damals Luxus.
Was das mit heute zu tun hat
Die 2,1 Millionen Offliner von 2025 leben in einer Welt, die das Internet voraussetzt. Die Mailbox-Nutzer von 1990 lebten in einer Welt, die das Internet noch nicht kannte. Beide Gruppen teilen eine Erkenntnis: Digitale Teilhabe ist nie selbstverständlich.
Die Mailboxen gingen nicht unter, weil sie schlecht waren. Sie gingen unter, weil das Internet besser skalierbar war. BTX ging unter, weil geschlossene Systeme offenen nicht standhalten. Die Frage für die heutigen Offliner ist nicht, ob sie mit 300 Baud über ein Modem einwählen wollen. Die Frage ist, ob die Gesellschaft Wege findet, digitale Grundversorgung auch ohne Internetzugang zu gewährleisten, oder ob sie es akzeptiert, dass 2,1 Millionen Menschen aus der Verwaltung, dem Zahlungsverkehr und dem gesellschaftlichen Leben herausfallen.
Quellen: Statistisches Bundesamt (Zahl der Woche 2026/09), Stadt Bremerhaven, teltarif.de BTX-Rückblick, Wikipedia: Mailbox (Computer)