Europa adoptiert Open Source schneller als die USA — aus Angst vor Vendor Lock-In
Der Perforce 2026 State of Open Source Report, erstellt in Zusammenarbeit mit der Open Source Initiative (OSI) und der Eclipse Foundation, basiert auf Umfrageergebnissen von Open-Source-Nutzern aus Organisationen aller Größen und über einem Dutzend Branchen weltweit. Das Ergebnis: Europa überholt die USA bei der Open-Source-Adoption.
63 Prozent in Europa, 51 Prozent in den USA
Die Kernzahl: 55 Prozent aller Befragten nennen Vendor-Lock-In-Vermeidung als Hauptgrund für die Wahl von Open Source. Das ist ein Anstieg von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Besonders deutlich ist der Unterschied zwischen den Kontinenten. In der EU und im Vereinigten Königreich sehen 63 Prozent der Organisationen Vendor Lock-In als entscheidenden Faktor. In Nordamerika sind es nur 51 Prozent.
„Digitale Autonomie ist zu einer strategischen Priorität europäischer Organisationen geworden und Teil eines breiteren Strebens nach Datensouveränität angesichts zunehmend strengerer EU-Regularien", sagte Matthew Weier O’Phinney, Principal Product Manager bei Perforce und Hauptautor des Reports.
Auch die Kostenfrage spielt eine Rolle: 62 Prozent der Befragten nennen fehlende Lizenzkosten und finanzielle Einsparungen als primären Treiber. Perforce bringt das auf den Punkt: „Organizations that want to save money and keep their options open have begun migrating off of proprietary platforms and SaaS offerings to cost-effective open source alternatives."
Der politische Kontext
Die Zahlen fallen in eine Zeit, in der die Abhängigkeit von US-Tech-Diensten zunehmend als Risiko gesehen wird. Auf der European Digital Sovereignty Summit in Brüssel forderten MEPs, Branchenführer und Digitalexperten kürzlich eine stärkere Förderung europäischer Alternativen. Wire-CEO Benjamin Schilz formulierte es direkt: Die Reduzierung der Abhängigkeit von ausländischen Tech-Lösungen sei „key to protecting democratic stability and data sovereignty".
Diese Entwicklung ist kein abstraktes Politikum. Wenn Broadcom VMware-Lizenzen verdreifacht, wenn Microsoft seine Cloud-Preise für europäische Kunden anhebt, wenn Anthropic seine KI-Limits zur europäischen Hauptarbeitszeit kürzt, dann sind das genau die Szenarien, die Europas 63-Prozent-Zahl erklären.
Der Preis der Freiheit: Maintenance
Open Source bedeutet nicht kostenlos. Der Report zeigt eine unbequeme Wahrheit: 60 Prozent der Mitarbeiter in Großunternehmen verbringen mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Wartung und Bugfixes. Bei Enterprise-Java-Teams ist es noch schlimmer. Fast ein Drittel verbringt 75 bis 90 Prozent der Zeit mit Maintenance.
Der sechsmonatige Release-Zyklus für JDK und Spring Framework zwingt Entwickler zu häufigeren Upgrades. Dazu kommt, dass Java 17 eine breaking Namespace-Änderung eingeführt hat, die fast alle Java-Anwendungen betrifft und nicht vollständig automatisiert korrigiert werden kann.
Das bedeutet: Open Source gibt Kontrolle zurück, kostet aber Zeit. Wer sich für Open Source entscheidet, muss auch bereit sein, die Wartung zu tragen.
Sicherheitsupdates: Die größte Herausforderung
Security Updates bleiben die größte Herausforderung aller Organisationsgrößen. 20 Prozent aller Organisationen haben keinen spezifischen Prozess für die Bearbeitung von CVEs (Common Vulnerabilities and Exposures). Bei Großunternehmen berichten 39 Prozent, dass das Einhalten interner SLAs für Vulnerability Remediation schwierig ist.
Compliance und Legacy: Zwei gefährliche Blindstellen
Die Mehrheit der Organisationen, die im vergangenen Jahr einen Compliance-Audit nicht bestanden haben, hatte End-of-Life-Software in ihren Stacks, darunter CentOS und AngularJS. Die Audit-Fehlerrate war doppelt so hoch bei Organisationen, die Legacy-Versionen von Tomcat, Spring Boot und Spring Framework betrieben.
Alarmierend: Nur 16 Prozent der Befragten haben einen Plan, um bevorstehende Compliance-Änderungen wie den EU Cyber Resilience Act (CRA) zu adressieren, der teilweise bereits in Kraft ist und bis Ende 2027 vollständig durchgesetzt wird.
Was das für Deutschland bedeutet
Die Ergebnisse passen exakt zu den Entwicklungen hierzulande. Der Deutschland-Stack setzt auf offene Standards. Euro-Office baut auf OnlyOffice-Fork. Die EUDI-Wallet soll auf offenen Protokollen basieren.
Die 63 Prozent Vendor-Lock-In-Sorge in Europa sind keine abstrakte Zahl. Sie sind die statistische Grundlage für das, was wir in Deutschland gerade erleben: den schrittweisen Abschied von proprietären Lösungen hin zu offenen, austauschbaren Systemen.
Die Frage ist nicht ob das passiert. Die Frage ist, ob die Organisationen bereit sind, die Wartungskosten zu tragen. 60 Prozent der Großunternehmen verbringen mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit Wartung. 20 Prozent haben keinen CVE-Prozess. Nur 16 Prozent haben einen Plan für den Cyber Resilience Act.
Open Source ist keine Einbahnstraße. Es ist eine Investition, die Kontrolle zurückgibt, aber auch Verantwortung verlangt. Wer sich von Microsoft löst, muss auch bereit sein, die eigene Infrastruktur selbst zu pflegen. Die Freiheit von Vendor Lock-In gibt es nicht umsonst.
Quellen: