WordPress läuft jetzt komplett im Browser, ohne Server, ohne Hosting, ohne Anmeldung
WordPress ohne Server, wie soll das gehen?
WordPress braucht PHP, eine MySQL-Datenbank und einen Webserver. Das war schon immer so, seit fast zwei Jahrzehnten. Wer WordPress nutzen wollte, musste entweder einen Hoster bezahlen oder sich selbst um einen LAMP-Stack kümmern.
Seit gestern ist das nicht mehr zwingend nötig. Mit my.WordPress.net hat WordPress.org eine Variante vorgestellt, bei der eine vollständige WordPress-Installation dauerhaft und ausschließlich im Browser läuft. Kein Server, kein Hosting-Paket, keine Domain, keine Anmeldung.
Die Technik dahinter: WebAssembly
Das Ganze basiert auf WordPress Playground, einer Technologie, die es schon seit 2023 als Spielwiese zum Ausprobieren gab. Der entscheidende Unterschied: my.WordPress.net ist nicht temporär. Die Daten bleiben erhalten.
Technisch funktioniert es so:
- PHP wird zu WebAssembly kompiliert. Der komplette PHP-Interpreter (als C-Quellcode) wird über Emscripten zu einer
.wasm-Datei kompiliert. Das Ergebnis ist ein ~5 MB großes Binary, das direkt im Browser ausgeführt wird. - MySQL wird durch SQLite ersetzt. Da es keine WebAssembly-Version von MySQL gibt, nutzt WordPress Playground eine SQLite-Kompatibilitätsschicht. Die Daten liegen im lokalen Browser-Storage.
- Der Webserver ist ein Service Worker. Ein JavaScript Service Worker fängt die HTTP-Requests ab und leitet sie an das PHP-Wasm-Binary weiter. Der Browser wird zum eigenen Webserver.
- Das Dateisystem ist virtuell. Emscripten emuliert ein POSIX-Dateisystem im Speicher. WordPress-Core, Plugins und Themes werden als komprimiertes ZIP (~5 MB statt ~70 MB) geladen und im virtuellen Dateisystem entpackt.
Das Ergebnis: Ein vollständiges WordPress inklusive Admin-Panel, Plugin-Installation und Theme-Wechsel, das komplett clientseitig läuft.
Was kann man damit machen?
Da die Instanz lokal läuft und nicht über das Internet erreichbar ist, verschiebt sich der Einsatzzweck. Es geht nicht um öffentliches Publizieren, sondern um:
- Persönlicher Notizblock: WordPress als privates Wiki oder Journal
- Plugin-Testing: Plugins und Themes gefahrlos ausprobieren, ohne eine Produktivseite zu gefährden
- Lernumgebung: WordPress kennenlernen, ohne erst einen Server aufsetzen zu müssen
- Prototyping: Ideen für Websites entwickeln, bevor man sich für ein Hosting entscheidet
WordPress.org liefert dazu einen App-Katalog mit vorkonfigurierten Setups: ein persönliches CRM, einen RSS-Reader (basierend auf dem Friends-Plugin), und sogar KI-gestützte Code-Anpassungen.
Die Grenzen
Natürlich hat der Ansatz seine Einschränkungen:
- Kein Sync zwischen Geräten: Die Daten liegen im Browser-Storage des jeweiligen Geräts. Wer den Browser-Cache löscht, verliert seine Instanz. Regelmäßige Backups sind Pflicht.
- Speicherplatz: Der Start liegt bei etwa 100 MB, was für Browser-Storage nicht wenig ist.
- Performance: PHP in WebAssembly ist langsamer als natives PHP. Für eine persönliche Instanz reicht es, für eine Produktivseite nicht.
- SQLite statt MySQL: Die Kompatibilitätsschicht funktioniert, aber nicht jedes Plugin arbeitet damit fehlerfrei.
- Keine öffentliche Erreichbarkeit: Das ist Absicht, aber eben auch eine klare Grenze.
Einordnung: Beeindruckend, aber kein Server-Ersatz
Technisch ist das Projekt faszinierend. Einen kompletten PHP-Interpreter per WebAssembly im Browser auszuführen, das virtuelle Dateisystem und die SQLite-Brücke: Das sind ernstzunehmende Engineering-Leistungen.
Für den praktischen Einsatz sehe ich es als niedrigschwelligen Einstieg: Wer WordPress kennenlernen will, kann jetzt sofort loslegen, ohne einen Cent auszugeben oder irgendetwas zu installieren. Für Schulungen und Demos ist das Gold wert.
Für alles was öffentlich erreichbar, performant und zuverlässig sein soll, führt weiterhin kein Weg an einem echten Server vorbei, ob Self-Hosted oder beim Hoster. Und wer maximale Kontrolle und minimalen Overhead will, greift ohnehin zu einem statischen Site-Generator. Aber das ist eine andere Geschichte.
Quellen: